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Erdgas – Wärme, die einfach da ist

„Erdgas – Wärme, die einfach da ist“, mit diesem Slogan ging die Deutsche Gaswirtschaft in den 70er-Jahren auf Kundenfang. Nicht ganz erfolglos, wie ein Blick auf die Statistik zeigt: Der Verbrauch an Erdgas ist in der alten Bundesrepublik von 17 Milliarden Kubikmetern im Jahr 1970 auf aktuell knapp 90 Milliarden Kubikmeter pro Jahr gestiegen.

Eine Entwicklung, die auch der Umwelt zugute kommt. Erdgas setzt nämlich bei seiner Verbrennung weniger Schadstoffe frei als alle anderen fossilen Brennstoffe. Zudem ist Erdgas auch in weitaus größeren Mengen vorhanden als zum Beispiel Öl. Doch „einfach da“ ist Erdgas damit noch lange nicht. Wie Öl und Kohle muss auch das Erdgas gefördert und transportiert werden. Letzteres geschieht entweder auf großen Schiffen oder durch Pipelines.

 

Quer durch Europa

 

Nabucco, South Stream und Ostsee-Pipeline – so heißen die drei großen Zukunftsprojekte, die die langfristige Versorgung Europas mit Erdgas sicherstellen sollen. So soll die Nabucco-Pipeline ab 2013 Gas aus dem Kaspischen Raum nach Europa bringen. Noch ist allerdings kein Rohr verlegt, stattdessen wird intensiv über den Verlauf der Pipelinetrasse diskutiert.

Ein heikles Thema, wie das Projekt „Ostsee-Pipeline“ zeigt. Diese soll eines Tages russisches Gas via Ostsee nach Deutschland strömen lassen. Am Projekt sind Gazprom, BASF und E.on beteiligt. Allerdings hat sich in Polen und in den baltischen Staaten erheblicher Widerstand gegen das Projekt formiert. Die Pipeline würde nämlich „in einem sicheren Abstand“ an ihren Küsten vorbeilaufen – Einnahmen aus dem Transit des Gases durch die Pipeline würden so entfallen. Daher fordern die Politiker in Warschau, Vilnius, Riga und Tallinn in seltener Eintracht den Bau der Pipeline auf dem Landweg, am Besten durch ihr jeweiliges Staatsgebiet.

Bildquelle: Gazprom

Interessant ist auch die Entwicklung von South Stream. Eigentlich wäre das Projekt gar nicht nötig, doch es ist von seinen Befürwortern als Konkurrenzvorhaben zu Nabucco aufgelegt worden. Unter Federführung Russlands soll das Erdgas aus dem kaspischen Raum via Russland und Ungarn Richtung Italien geleitet werden.

 

Vorkommen reichen 160 Jahre

 

Diese wenigen Beispiele zeigen, dass Erdgas, ähnlich wie Öl, auch immer eine politische Komponente in sich trägt. Länder mit großen Erdgasvorkommen haben erheblichen Einfluss auf der politischen Weltbühne, auch wenn dieser verglichen mit der Aufmerksamkeit, die der OPEC zuteil wird, eher selten in den allabendlichen Nachrichten thematisiert wird. Einfluss, der sich aus der Bedeutung des Erdgases für die weltweite Energieversorgung speist. Rund 25 Prozent der globalen Nachfrage nach Energie wird derzeit nämlich durch Erdgas gedeckt.

Und es könnte bald noch viel mehr werden, denn im Gegensatz zu Öl sind die Erdgasvorkommen noch lange nicht erschöpft. Die nachgewiesenen Erdgasvorkommen belaufen sich weltweit auf etwa 170 Billionen Kubikmeter. Bei einer Jahresförderung von derzeit knapp drei Billionen Kubikmeter wäre die Versorgung der Welt mit Erdgas also für die nächsten 50 bis 60 Jahre sicher. Doch im Gegensatz zu Öl ist man bei Erdgas in den letzten Jahrzehnten immer wieder auf große neue Vorkommen gestoßen. Zählt man die geschätzten zusätzlichen wahrscheinlichen und hypothetischen Ressourcen dazu, sind es etwa 160 Jahre, in der die Menschheit mit einer gesicherten Erdgasversorgung rechnen kann.

Und dann gibt es da noch Methanhydrat, gefrorenes Gas, das in Wasser eingelagert ist. Bei geschätzten Vorkommen von zwölf Billionen Tonnen wäre Methanhydrat möglicherweise der Energieträger der Zukunft. Methanhydrat bildet sich in großen Mengen an den Abhängen der Kontinentalplatten in circa 500 bis 1.000 Meter Tiefe. Der Abbau gestaltet sich jedoch sehr schwierig, da sich das gebundene Methan zur Wasseroberfläche hin verflüchtigt. Gelingt es in Zukunft jedoch, auch nur einige Prozent des Methanhydrats zu fördern, werden damit die bereits gegenwärtig verfügbaren Erdgasreserven übertroffen.

 

Gaspreise ziehen an

 

Etwa 74 Billionen Kubikmeter der weltweit nachgewiesenen Erdgasvorkommen liegen im Nahen Osten, 15 Billionen Kubikmeter in Asien. In Nordamerika sind es ebenso wie in Mittel- und Südamerika jeweils circa sieben Billionen Kubikmeter. Weitere 64 Billionen Kubikmeter befinden sich in den GUS-Staaten sowie zu einem geringen Teil auch in Westeuropa.

Größtes Gasunternehmen ist Gazprom. Der ehemalige russische Staatskonzern ist für 85 Prozent der russischen Gasförderung, und damit für rund ein Fünftel der weltweiten Erdgasproduktion, verantwortlich. Für den Erdgasexport aus Russland, das Land ist der weltweit größte Gasexporteur, hat Gazprom zudem ein Monopol eingeräumt bekommen. An der Spitze von Gazprom sitzt als Chairman Dmitry Anatolievich Medvedev, der neue Präsident Russlands.

Gazprom hält bei der Bildung des Gaspreises nach wie vor an der Ölpreisbindung fest. Die Ölpreisbindung ist eine brancheninterne Vereinbarung zwischen Gasproduzenten und Gasimporteuren. Sie sieht vor, dass sich der Erdgaspreis in einem bestimmten Verhältnis zum Ölpreis entwickelt. Kritiker bezeichnen die Ölpreisbindung als „illegale Absprache“, Befürworter sehen in ihr eine „notwendige Planungssicherheit“ für die Erdgaskonzerne. Die Ölpreisbindung wurde in den 60er-Jahren eingeführt und diente ursprünglich dazu, die hohen Kosten, die beim Bau von Gaspipelines anfallen, abzudecken. Und obwohl die Ölpreisbindung zum Beispiel in Nordamerika offiziell nicht existiert, sind ihre Auswirkungen auch dort zu spüren. So haben die Analysten von FirstEnergy Capital erst vor wenigen Tagen ihre Prognose für den Erdgaspreis in den USA nach oben geschraubt. Sie rechnen im laufenden Jahr nun mit einem durchschnittlichen Erdgaspreis (natural gas) von 9,75 Dollar je MmBtu. Ihre ursprüngliche Schätzung stand bei 8,50 Dollar je MmBtu. Zum Vergleich: 2006 lag der Durchschnittspreis je MmBtu noch bei 6,98 Dollar, 2007 bei 7,12 Dollar. Das Kürzel „MmBtu“ steht übrigens für „Million British thermal units“; 1 MmBtu entspricht 26,4 Kubikmeter Gas.

Besonders interessant ist auch ein Blick auf die Statistik des Bundesamtes für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle, das monatlich die Erdgasimporte in die Bundesrepublik Deutschland erfasst und den so genannten „Grenzübergangspreis“ ermittelt. Dieser hat sich seit dem Jahr 2000 von knapp 3.000 Euro je Terajoule Erdgas auf aktuell 6.400 Euro je Terajoule mehr als verdoppelt. Fährt man den Beobachtungszeitraum noch weiter auf und greift auf das Jahr 1991 zurück, das Jahr, mit dem die Statistik des Bundesamtes beginnt, wird der langfristige Aufwärtstrend, in dem sich der Erdgaspreis bewegt, noch deutlicher: 1991 lag der durchschnittliche Grenzübertrittspreis bei rund 2.440 Euro je Terajoule. Seit Anfang der 90er-Jahre ist also der Preis für Erdgas, der „an der Grenze“ von den Gasimporteuren an die Gasproduzenten bezahlt wird, um rund 160 Prozent gestiegen.

 


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