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Kernkraft – Das Comeback einer Sünde

Am 6. Juni 2008 verlor Umweltminister Sigmar Gabriel kurzseitig seine diplomatische Contenance. Als „energiepolitischen Amoklauf“ und ein Produkt von „Fantasy Island“ bezeichnete er in einem Interview im Berliner Tagesspiegel eine am selben Tag veröffentliche Studie der Internationalen Energieagentur (IEA). Diese fordert unter anderem den Bau von 1.400 Kernkraftwerken, um den globalen Kohlendioxidausstoß nachhaltig zu reduzieren.

Die Studie wurde im Auftrag der G8-Staaten angefertigt und soll in groben Zügen aufzeigen, wie die global stark steigende Energienachfrage befriedigt werden kann, ohne die Umwelt zu zerstören. Denn, so die Begründung der IEA, sollte die aktuelle Energiepolitik beibehalten werden, wird der weltweite Verbrauch von Erdöl und Erdgas bis 2050 um 70 Prozent steigen. Im gleichen Zeitraum dürften die CO2-Emissionen um 130 Prozent zunehmen. Das würde zu irreversiblen Umweltschäden führen.

 

Weltweiter Ausbau der Atomkraft

 

Natürlich ist die Studie der IEA nur ein Vorschlag, nur eine Idee, politisch ist sie nicht bindend. Deshalb wird Sigmar Gabriel auch an seinen Atomausstiegsplänen festhalten. So soll 2009 das Kernkraftwerk Neckarwestheim 1 entgegen allen Forderungen aus den Reihen der  CDU/CSU abgeschaltet werden. Mit dieser Antiatompolitik steht Deutschland allerdings weitestgehend alleine. Weltweit steigt nämlich die Zahl der Kernkraftwerke stetig an. Derzeit sind 435 Atomreaktoren am Netz, doch bereits 29 neue Meiler befinden sich im Bau, 40 weitere sind in Planung.

Nach einer Prognose der Internationalen Atomenergieagentur (IAEA) könnte die Kapazität der Nuklearenergie von aktuell rund 370 Gigawatt (ein Gigawatt ist eine Milliarde Watt) auf rund 680 Gigawatt im Jahr 2030 steigen. Die größten Zuwachsraten erwartet die IAEA in Asien. So will Indien bis zur Jahrhundertmitte rund ein Viertel seiner elektrischen Energie aus Kernkraftwerken beziehen. Aktuell sind es weniger als drei Prozent. Und Peking will seine Atomkapazitäten bis 2020 verfünffachen.

 

Bildquelle: Paladin Energy

 

Aber auch in Europa gibt es starke Tendenzen zum Ausbau der Atomkraft. Laut IAEA wollen vor allem Großbritannien, Finnland, Frankreich, Bulgarien und die Ukraine in Zukunft ihre Atomkraftleistungen nach oben fahren.

 

Mangelware Uran

 

Bei ihrer Forderung nach einer stärkeren Nutzung der Kernkraft hat die IEA allerdings einen entscheidenden Faktor übersehen. Einen Faktor, den auch Sigmar Gabriel in seine ablehnenden Haltung mit einfließen lässt: „Wir würden die Fähigkeit zum Bau von Atombomben schneller verbreiten, als wir es uns in den schlimmsten Zeiten des Kalten Krieges jemals hätten vorstellen können. Denn so viel Uran gibt es gar nicht mehr, so dass die Alternative eine weltweite Plutoniumwirtschaft wäre", so Gabriel im Tagesspiegel.

Ein Argument, das in der Tat nicht von der Hand zu weisen ist. Und vor allem auch ein Argument, das auf einen extremen Defizitmarkt hinweist: den Markt für Uran. Bei der derzeitigen Anzahl an Kernkraftwerken werden jährlich nämlich circa 67.000 Tonnen Uran benötigt. Der Uranbergbau kann aber nur 42.000 Tonnen pro Jahr liefern. Die Lücke von 25.000 Tonnen wird im Moment vor allem durch Uran aus Kernwaffenabrüstungsprogrammen und aus alten Beständen gedeckt. Diese Lagerbestände entstanden aber vor 1980. Sie werden nach Einschätzung von Energy Watch Group innerhalb von zehn Jahren erschöpft sein. So müsste die jährliche Neuproduktion von Uran bis 2015 um 50 Prozent steigen, um den heutigen Bedarf zu decken. Sollte die Kernkraft allerdings jenes Comeback erleben, das ihr von der IEA und der IAEA prognostiziert wird, müsste noch weitaus mehr Uran abgebaut werden.

 

 

 

 


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